Dresden Race Day 2007

Mali's erstes "richtiges" Radrennen

Auf der letzten Etappe der Sachsentour 2007 gab es ein Jedermannrennen, den Dresden Race Day. Das ganze fand (fast) auf der gleichen Strecke statt, wie sie die Profis fahren, aber vorher. Für Ganzkurzstreckenliebhaber gab auch eine 61 km kurze Variante. Die 120 km Runde führte von Dresden nach Dresden, zwischendurch grob folgender Verlauf mit etwa 1800 Höhenmetern:

Dresden - Heidenau - Berggießhübel - Breitenau - Bärenstein - Geising - Altenberg - Bobbahn - Niederfrauendorf - Possendorf - Pesterwitz - Dresden

Da die Profis (in gebührendem Abstand) nach den Jederfrauen und -männern auf die selbe Strecke gehen, müssen letztere eine Mindestgeschwindigkeit fahren, damit sie nicht von der Sachsentour überrollt werden. Diese war mit 22 km/h angegeben. Nagut, das sollte ich schon schaffen. Auf dem Anmeldeformular soll ich dann auch noch angeben, welchen Schnitt ich "anstrebe". Hm, 40? Nein, im Ernst, ich schreibe 25 hin, das halte ich für mich Anfänger machbar.
Erst hinterher schaue ich in die Ergebnisliste vom Vorjahr. Mit dem 25er Schnitt wäre ich dort einer der absolut letzten im Ziel gewesen. Wahrscheinlich total abgeschlagen könnte ich schon nach 20 km auch die letzte Gruppe nicht mehr halten... so schlimm sollte es doch nicht kommen. Und damit kommen wir zum eigentliche Geschehen:

8:30 Uhr am Terrassenufer: Mali findet sich zum Start ein. Selbstverständlich reiht er sich im hinteren Viertel des Pulks an Rennradfahrern ein. Ganz schön viele davon stehen hier rum und warten auf 8:40, da soll Start sein. Das Wetter ist übrigens eher von der unsommerlichen Sorte, früh bedeckt und im Tagesverlauf ist aufkommender Dauerregen angekündigt.
Als Neuling bin natürlich ein wenig aufgeregt: Wie komme ich mit dem dichten Fahrerfeld klar? Fliege ich gleich bei der ersten Straßenbahnschiene hin? Oder fliegt mein Hintermann hin, weil ich es verschlafen habe ihm die nahende Fußgängerinsel anzuzeigen? Macht das Feld gleich Volldampf und ich stehe hier (nachdem sich die Staubwolken verzogen haben) ganz alleine da?
Nun, der Start geht los und mein Vordermann testet die härte des Asphalts mit dem Ellenbogen nachdem er auf dem ersten Meter über einen Absperrzaun stolpert. Danach geht s aber richtig los, Teil 1 meiner letzen Newbie-Frage bewahrheitet sich, jedoch weicht die Staubwolke der glasklaren Sicht durch meine (noch trockene) Brille - und ich kann den Anschluss halten. Mit einer munteren 40 geht es unter dem Hauptbahnhof durch. An der Teplizer Straße dann mein erster Angriff! Ich wage es unverschämterweise einige Fahrer zu überholen, und das, wo es doch gerade leicht bergwärts geht! Zum Glück für die anderen wird es gleich wieder flach, bis nach Dohna ändert sich da nix. Es wird geheizt, und ich frage mich, ob es hinter mir nicht vielleicht noch eine Bummler-Gruppe gibt und ob ich da nicht besser aufgehoben wäre? Tempo bolzen und Wind widerstehen gehört ganz und gar nicht zu meinen Stärken.
Aber es naht Rettung: Bergauf-Bergab nach Berggießhübel. Bergauf mache ich Platz um Platz gut, bergab falle dafür ich immer wieder ein wenig zurück. Haben die alle einen aufblasbaren Amboss auf dem Rad, damit sie bergab so schnell sausen können? Oder bin ich etwa hier der einzige, der nicht im Windkanal optimiert hat? Das Gebiss im Lenker kann ich das Schlimmste verhindern und freue mich auf den Anstieg durch Bad Gottleuba und Oelsen nach Breitenau. Auf einem flacheren Stück kann ich die Gruppe nicht mehr halten und strample im RTF-Tempo allein gegen den Wind - eine gute Gelegenheit für eine stressfreie Müsliriegel-Mahlzeit.
Bis zum Beginn des steilen Stücks nach Breitenau sammeln sich von hinten kommend noch ein paar Fahrer. An der Kurve direkt vorm Anstieg kommt mein Vordermann (diesmal ein anderer) wieder ins Straucheln. Er dachte wohl, er könne eben mal 35 km/h mit in den Anstieg nehmen? Zum Glück kann er baumelnden Hinterrads das Schlimmste verhindern und somit auch den Sturz nachfolgender Kollegen. Nun, dann geht es endlich richtig hoch, ich strample fleißig los und oben in Breitenau sind dann schon wieder viele bekannte Trikots aus der vorigen Gruppe eingeholt. Nur zu dumm, das sie mich auf dem flach welligem und mit Gegenwind gespicktem Stück nach Börnchen ebenso kalt liegen lassen, wie ich sie am Berg habe stehen lassen... Nach Börnchen kommt eine Abfahrt, bei der ich mal keinen an mir vorbei lassen muss: Enge Serpentinen und der inzwischen eingetroffene Nieselregen machen all den Bergrunterrasern einen Strich durch die Rechnung.
Mali, in Altenberg radelnd © Foto Quelle Moch Dresden
Ortsdurchfahrt Altenberg © Foto Quelle Moch Dresden
Im Müglitztal geht es dann erstmal zu einer Stadtbesichtigung nach Bärenstein hinauf (wo die Kurzstreckler 10:40 gestartet sind) um dann zur Hauptspeise nach Altenberg erst gemächlich und dann doch merklich bergan zu gehen. Im Tal bildet sich eine Gruppe die im flacheren Stück eine nahezu bummelfahrtverdächtige 20 anschlägt. Gut für mich, meine Beine und meinen Magen. Und schlecht für die Gruppe: hinauf nach Altenberg kann ich wieder zuschlagen und bei der Ortsdurchfahrt Dank meines achso mutigen Antritts den meisten Beifall des radsportbegeisterten Publikums einheimsen. Nagut, Antritt ist übertieben: ich bin halt einfach mit konstantem Tempo den Berg hoch, während es die meisten anderen es vorzogen das Steigen des Altimeters durch verringerte Geschwindigkeit zu kompensieren.
Den kleinen Vorsprung kann ich bis nach Hirschsprung retten, wo das Dessert zum Tagesmenu wartet: der Anstieg an der Bobbahn. Aber vorher gibt es eine scharfe Linkskurve auf regennasser Fahrbahn nach einer steilen Abfahrt. Wie an (fast) allen gefährlichen Stellen steht jemand mit grellneongelber Fahne und Trillerpfeife da um die Rennradler aus der Trance des Pedalierens wachzurütteln. Mit schneckenartiger Eleganz krieche ich um die Kurve und hinter mir höre ich, wie einer die spezielle Anfeuerung "Du sollst Bremsen!" bekommt. Danach geht es erstmal ein kurzes Stück seicht hinauf, bis dann das untere Ende der Bobbahn erreicht ist. Ich hatte angenommen, dass es die steile Straße innerhalb des Bobbahn-Geländes hinauf geht, aber (vielleicht wegen der Bauarbeiten) ging es außen die Serpentinenstraße lang. Für uns Weicheier wartet diese mit etwa 7% auf - ich bin fast enttäuscht. Trotzdem mache ich wie gewohnt Platz um Platz gut. Nur eine Lexxi-Dame - wohl nicht ganz mit meiner Überholerei einverstanden - zieht unerwartet vorbei. Nun, ich hefte mich gleich dran und gehe wieder vorbei. Zeitgleich erreichen wir den Verpflegungspunkt am oberen Ende des Anstiegs. Wasser tankend, Bananen- und Apfelstück greifend geht es weiter. Die Nahrungsaufnahme ist ungleich hektischer als bei einer RTF - ich erinnere mich an gemütliche Pausen bei der RTF Heidenau - davon fehlt hier jede Spur. Achja, das war ja ein Radrennen, richtig.
Es folgt nun die leicht wellige Abfahrt durch Falkenhain und dann die Hochwaldstraße entlang. Dort ist es eigentlich immer angenehm und erholsam, aber dummerweise werde ich gerade hier an einem winzigen Anstieg von einem Krampf im linken Oberschenkel erwischt. Also den Leiergang rein und ganz ruhig weiterkurbeln, ja nicht aus dem Sattel gehen! Zu meinem Glück geht es dann erstmal ordentlich runter nach Niederfrauendorf. Aber um da mithalten zu können muss ich mich trotzdem ganz schön ins Zeug legen. In Niederfrauendorf ziehen wieder viele bekannte Trikots an mir vorbei, die ich zuletzt vor Altenberg oder an der Bobbahn gesehen habe.
Es folgt ein welliger Abschnitt über Reinholdshain, Oberhäslich und die B170 bis oberhalb von Possendorf, den ich allein absolviere. Auf vorbeihuschende Windschatten schaffe ich es leider nicht aufzuspringen. In der steilen Abfahrt nach Possendorf rase ich mit Tempo 70 am 40-Schild vorbei. Hinab nach Freital gebe ich nochmal alles, bis ich eine kleine Gruppe erreiche. Diese löst sich aber in dem winzigen Anstieg innerhalb von Freital (von dem ich vorher nix wusste - doch nicht perfekt vorbereitet!) wieder auf.
Die letzte Prüfung stand aber noch bevor: Pesterwitz! Ich kann mir denken, dass einigen Teilnehmern dieser Name in keiner guten Erinnerung bleiben wird. Die abgespeckte Bobbahn war gar kümmerlich dagegen. Frohlockend radelte ich an dem 15%-Schild vorbei. Erst geht es ganz ok, man denkt, puh, nochmal Glück gehabt. Dann, nach einer Kurve (wie immer um die Dramatik zu steigern), erhebt sich der Blick auf die steile Wand. Objektiv betrachtet sind es nur 15%. Aber subjektiv addieren sich natürlich noch die bereits gefahrenen Kilometer. Neben mir höre ich es stöhnen. Cool lasse ich die Kette aufs 30er Blatt rutschen und - angetrieben von den großartigen Pesterwitzer Radsportfans - absolviere ich den Anstieg komplett im zweistelligen Bereich des Tachometers. Und wieder ist die Konkurrenz chancenlos. Aber warum nur ist der Berg so kurz? Es hätte ruhig noch ein wenig weiter gehen können.
Denn jetzt kommt schon wieder die so unliebsame Raserei: Von Altfranken in wilder Hatz die Coventrystraße durch den Bramschtunnel hinab in den Großstadtdschungel. Ich beiße in den Lenker und kurble um mein Leben, wohl in der absurden Hoffnung noch irgendwas reißen zu können. Die Folge ist nur, dass sich mit der Zeit Fahrer in meinem Windschatten ansammeln. Bitteschön, fahren Sie weiter, ich möchte niemanden aufhalten... Auch die nassen, kurven- und straßenbahnschienenreichen Passagen überstehe ohne Intensivkontakt zum Asphalt. Ich nähere mich dem Zielbereich und gehe noch mal aus dem Sattel um vor meinen Windschatten die Ziellinie zu überqueren. Und es gelingt. Zu donnerndem Beifall und gewittergleich blitzenden Kameras überquere ich sprintent die Ziellinie. Exakt 4:09:36 nachdem ich hier gestartet bin.
Das ist viel schneller als ich mir je vorgestellt habe! Ich kann sogar noch die Siegerehrung miterleben - der Sieger war etwa 50 Minuten eher im Ziel. Nebenbei speise ich die gegen einen Gutschein erhaltene Kartoffelsuppe. Mit Abstand den meisten Beifall gibt es für die Podestplätze, bei denen Picardellics auf dem Trikot steht. Sind die anderen Vereine schon abgereist? Achja, es regnet immer noch, mehr als unterwegs. Gut dass ich hier eine Regenjacke deponiert hatte. Beim Umtausch des Transponders in die Urkunde bekomme ich es nochmal schwarz auf weiß: 286. Platz in der Gesamtwertung. Uhm, das klingt weit hinten - ist aber immerhin mitten im Mittelfeld.


Links:
Sachsentour International
Dresden Race Day
Offizielle Fotos vom Rennen
Fotos vom Rennen auf der Picardellics-Seite
Ergebnisse hier
[ addr: 54.156.82.247 | cnt: 362721 | usr: 4ms | sys: 1ms ]