Timmelsjoch und Gletscherstraße im Ötztal

Sölden - Timmelsjoch - Sölden - Gletscherstraße zum Tiefenbachferner - Sölden (93 km, 2972 Hm)

Mali war mit dem Rad in den Alpen! Und dann gleich zwei Anstiege hintereinander: Erst zum Timmelsjoch, der Pass, der das Ötztal nach Süden mit Italien auf 2474m Höhe verbindet. Und am Nachmittag noch diese verrückte Gletscherstraße hinauf bis zum Höhepunkt bei 2829m am Tiefenbachferner.

Beide Routen gibt es auf bikemap.net: Timmelsjoch und die Gletscherstraße

Panorama vom Timmelsjoch
Panorama vom Timmelsjoch

Teil I: Timmelsjoch

Auf dem Timmelsjoch
Mittags auf dem Timmelsjoch (2474m)
Nach einer klaren Nacht klebt das Thermometer früh unten im Tal bei 3° fest. Ungeduldig ziehe ich die Handschuhe, die ich eigentlich erst oben anziehen wollte, schon vor dem Start an und rolle durch Sölden das Ötztal hinauf. Sobald ich aus dem Schatten des hintersten Talwinkels herausfahre wird es auch angenehm warm. Bis zum Abzweig der Passstraße vor Obergurgl fährt es sich ganz angenehm, ein paar kurze steile Passagen sind aber auch schon dabei. Danach geht es dann wirklich los, die Kehren sind beschildert und mit Höhenangaben versehen. Bei Hochgurgl hat man dann schon einen wunderbaren Blick ins Gurgler Tal und das Ötztal hinab Richtung Zwieselstein und Sölden. Schneeflecken lümmeln frech links und rechts der Straße. Ich nutze jede Gelegenheit um kurz zu Rasten: die Bekleidung will angepasst werden, Brot, Müsliriegel und Banane wollen gegessen werden und viel beeindruckende Landschaft möchte fotografiert werden. Und das ist gut so. Ich möchte die Tour genießen und Kräfte für den Nachmittag schonen. Außerdem habe ich Urlaub, oder? Nach Hochgurgl kommt die Mautstation, an der alle motorisierten Verkehrsteilnehmer zur Kasse gebeten werden. Für Radfahrer geht es (unübersehbar ausgeschildert) direkt weiter. Dann darf man erstmal so reichlich 100 Höhenmeter abbauen und die Muskeln für das Finale lockern. Angekommen im kargen Timmelstal strebe ich nun rastlos dem Ziel entgegen. Die Kehren machen richtig Spaß, man kann die verbleibenden Höhenmeter runterzählen.
Etwas überrascht komme ich dann plötzlich oben an. Nanu, nur 2474m? Korrekt. Der Pass ist oft mit 2509m angegeben und irreführenderweise ist diese Höhe auch stolz auf dem Restaurant in weißen Lettern zu lesen. Aber die Straße ist in Wirklichkeit ein Stück darunter. Die 2509m beziehen sich wohl auf eine kleine Erhebung mit einer Hütte drauf. Nun, aber ich bin oben. Und nicht allein. Es ist Mittag und Touris, Motorradfahrer, Oldtimer, Kinder, Fotoapparate und Windjacken tummeln sich auf dem Timmelsjoch. Nur auffällig wenige Radfahrer. Nach dem Genuss des Blickes gen Italien und der obligatorischen Fotosession setze ich mich - inzwischen auch mit Windjacke ausgerüstet - vor das Restaurant am Pass und schlinge einen Teller Spaghetti runter.
Die Abfahrt ist abwechslungsreich wie der Hinweg. Der kleine Anstieg vor der Mautstation sorgt nochmal für ordentlich Wärme unter der Jacke. Angekommen in Sölden mache ich erstmal eine Rast und bereite mich auf das Bonusprogramm vor.

Teil II: Gletscherstraße

Serpentinen der Gletscherstraße
Himmelwärts: Serpentinen der Gletscherstraße im Rettenbachtal
Am Tiefenbachferner
Nachmittags am Tiefenbachferner (2829m)
Eigentlich muss ich da nicht unbedingt heute noch hoch. Es sind 1500 sehr steile Höhenmeter. Ich habe mir vorgenommen so lange zu Fahren, wie Kraft und Motivation durchhalten. Als ich in Sölden auf die Gletscherstraße einbiege, schnellt der Steigungsmesser auf 11% hoch und verharrt nun eine ganze Weile im zweistelligen Bereich. Die Kette rutscht von Geisterhand ganz nach links. Ich wusste noch gar nicht, dass ich so langsam Rad fahren kann. Ganz zäh geht es hinauf. Der erste Abschnitt bis zur Waldgrenze bei etwa 2000m verläuft in zwei langen Kehren. Viel zu früh träume ich mir ein kleineres Kettenblatt herbei oder versuche erfolglos auf das doch nicht nachgewachsene 30er Ritzel hochzuschalten.
Das einzig angenehme dieser Straße ist, dass recht wenig Verkehr ist. Man kann also ganz in Ruhe vor sich hin leiden... Ab der Mautstation betritt die Straße das Rettenbachtal. Flacher wird es deshalb nicht, immer noch dominieren zweistellige Steigungsprozente mit nur kurzen Erholungspausen bei euphorieauslösenden 9%. Dafür taucht am Ende des Tals das erste Ziel auf: Der Rettenbachferner, ein mit dieser Straße und Seilbahnen touristisch bestens erschlossener Gletscher. Das stärkt die Motivation und die fantastischen Ausblicke, welche die Serpentinen im Rettenbachtal gewähren, belohnen für die Anstrengung. Das letzte Stück zum Rettenbachferner ist dann sogar mal etwas flacher, zumindest bleibt der Steigungsmesser im einstelligen Bereich. Am Gletscher angekommen bin ich fast etwas enttäuscht: Keine Touris, kein Rummel. Es ist viertel sechs und nur ein paar Arbeiter werkeln hier noch rum. Keine Ahnung, ob hier generell im September nix los ist oder der Rummel einfach schon vor mir wieder runter gefahren ist.
Da noch Zeit, Motivation und Kraft da sind, mache ich mich auf, noch das letzte Stück zum Tiefenbachferner zu fahren. Warm anziehen, Licht an: es geht in einen 1.7km langen, schnurgeraden Tunnel. Sobald man drin ist, sieht man auch schon das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels, aber es kommt nur ganz langsam näher. Die Steigung im Tunnel ist konstant einstellig, also regelrecht angenehm und erstaunlicherweise wird es auch nicht langweilig. Vielleicht liegt es an den vereisten Pfützen, die ich besser umfahren sollte. Oder an den Eiszapfen, die hinter mir von der Tunneldecke auf den Straßenbelag klatschen. Deshalb also der Fahrradhelm... Das Licht wird größer und irgendwann bin ich dann da. Der Tiefenbachferner mit verlassenem Restaurant und Seilbahnstation liegt vor mir. Just in dem Moment meiner Freude schließt ein anderer Radler zu mir auf. Wir nutzen dies um diesen Moment gegenseitig fotografisch zu konservieren, denn direkt an der Tunnelausfahrt steht das so fotogene Schild mit den vier Ziffern 2829. Es soll wohl der höchste Punkt der Alpen sein, denn man mit dem Rennrad asphaltiert erreichen kann: *tusch* *tröööt*. Für die reichlich 14km von der Einfahrt der Gletscherstraße (1430m) bis hier hinauf (2829m) habe ich zwei Stunden und 10 Minuten gebraucht. Denn Schnitt rechne ich lieber mal nicht aus. Aber darum geht es ja auch nicht. Beeindruckend allein ist der Blick durch die schneebedeckten Berge, und das alles vom Fahrradsattel aus. Ein fantastisches Rad-Erlebnis. Und für mich irgendwie surreal, bin ich doch das erste mal mit dem Rad in den Alpen unterwegs.
Die Abfahrt verlangt dann nochmal volle Aufmerksamkeit, vor allem im Tunnel: Mehrmals erwische ich mich, wie ich über die schon bekannten Eispfützen fahre - aber zum Glück nicht rutsche. Und wie es ist, mit 80 über einen Weiderost zu fliegen, habe ich lieber auch nicht ausprobiert. Man war halt erst oben, wenn man wieder unten ist.

Ein großartiger Tag.
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