Ještěd-Radtour

Der markante Turm auf dem Ještěd
Der markante Turm auf dem Ještěd
Nachdem ich den Fichtelberg erobert hatte, wollte ich eigentlich keine so riesigen Radtouren mehr machen. Nun - alles half nichts: schon wenige Wochen nach der gelungenen Fichtelbergradtour 2003 beugte ich mich über die Karten und plante die Route zum Ještěd. Im Unterschied zum Fichtelberg ist die Anfahrt recht flach. Aber dafür ist die Auffahrt zum 1012 m hohen Gipfel wesentlich härter. Auf den letzten 11 km sind 600 Höhenmeter zu bewältigen.
Meine Strecke verläuft bis nach Decin an der Elbe, dann im Tal der Ploucnice über Ceska Lipa nach Osten, dann nach Straz und schließlich über Krizany zum Anstieg auf den Ještěd.
Vorbereitet wie bei der Fichtelberg-Radtour, mit 1,5l Wasser, 3 Bananen und 10 Müsliriegeln machte ich mich auf den Weg. Aber diesmal hatte ich eine kleine Digi-Knipse eingesteckt, so dass ich hier nun einige Fotos präsentieren kann.

Dresden 5:00 Uhr, 0km
Es geht los, pünktlich, wie ich es mir vorgenommen habe, steige ich aufs Rad.

Morgentlicher Blick zum Lilienstein
Morgentlicher Blick zum Lilienstein
Pirna 5:47 Uhr, 18km
Ich spüre einen leichten Gegenwind, der mich von der idealen Elberadweg-Geschwindigkeit abbremst. Auf dem Rückweg wird er mir hoffentlich dienlich sein. In Obervogelgesang biege ich nach Struppen ab, um mal die Abkürzung über Thürmsdorf auszuprobieren. Mein Urteil: bestimmt etwas kürzer als der Schlenker nach Rathen, aber die Abfahrt in Thürmsdorf ist unschön. Dafür habe ich die Gelegenheit, den Lilienstein aus dem Nebel hervorragen zu sehen.

Königstein 6:25 Uhr, 30km
Normalerweise würde ich jetzt die Elbseite wechseln, aber schneller gehts auf der B172, die in Richtung Bad Schandau zu dieser Zeit auch kaum befahren ist. Ab dort gibt es wieder Elberadweg auf linken Elbseite.

Grenzübergang 7:14 Uhr, 47km
Zwischen 6:00 und 22:00 darf der Wanderer- und Radfahrer-Grenzübergang benutzt werden. Ob ich es bis 22:00 schaffe?
In Dolni Zleb hat man die Wahl zwischen Asphalt bergauf oder Feldweg am Elbufer. Ich nehme ersteres, aber der Anstieg ist doch steiler als ich vermutet habe.

Decin 7:45 Uhr, 57km
Nach kurzer Orientierungslosigkeit finde ich die Strasse Nummer 262 nach Ceska Lipa. Bis Benesov verläuft sie etwas bergig, aber danach flach im Tal der Ploucnice. Irgendwo mache ich eine Pause. Hier im Tal ist die Strasse etwas kurvig, da fahren die Autos nicht so schnell. Und wenn sie doch mal gerade ist, dann kann ich auf einen kleinen Randstreifen flüchten, so dass ich keine rasenden LKWs fürchten muss. Trotz dem sehe ich hier keinen einzigen Radfahrer (nur innerhalb der Ortschaften).

Ceska Lipa etwa 9:30 Uhr, 90km
Direkt an der Straße ist ein Einkaufszentrum und ein Platz mit Bänken, Bäumchen und Radiobeschallung. Zudem sind hier viele einheimische Unterwegs. Ideal also, um das Rad anzuschließen und ein bisschen einzukaufen. Mit 1,5l Wasser, 5 Müsliriegeln, 2 Bananen, einem Joghurt und einem Pfefferkuchen (wie sich später heraustellte) verlasse ich den Delvita Supermarket. Leider erweist sich das Mineralwasser als nicht sprudelfrei, da muss ich wohl noch etwas tschechisch lernen. Nach eingehendem kulinarischem Genuss (ich quäle mir etwas zu Essen rein), mache ich mich 10:15 wieder auf den Weg.

Zakupy 10:50 Uhr, 100km
Durch eine Ungenauigkeit in meiner tschechischen Landkarte verheddere ich mich etwas. Problematisch wird es immer, wenn man von einer Straße höherer Ordnung auf eine niedriger Ordnung will. Naja, dass Geheimnis ist: Kurz hinter dem Bahnhof vor dem eigentlichen Ort geht halblinks eine kleine Straße rein. Trotz dass sie nicht ausgeschildert ist, bringt sie mich in Richtung Kamenice. Danach über Luhov nach Straz, vorbei an einem See (laut Karte, gesehen hab ich ihn nicht) und einem Zaun mit so lustigen Achtung-Radioaktivität-Warnschildchen. Wer weis, was sich hinter dem Zaun verbirgt... Naja, zumindest habe ich dort eine Pause an einer Bushaltestelle gemacht, ich hoffe, es hat mir nicht geschadet.

Straz pod Ralskem 11:50 Uhr, 115km
Ich biege links ab nach Doubnice (Radweg Nummer 241). Der Ještěd ist inzwischen zu meinem dauerhaften Begleiter am Horizont geworden. Langsam beginne ich auch schon einige Höhenmeter zu sammeln, aber das ist nur vorgeplänkel (Straz liegt auf 300 Metern über NN!). Die letzte Abfahrt vor dem Berg führt mich nach Zibridice.

Krizany 12:30 Uhr, 127km
In Krizany mache ich vor der Kirche an einer Bank Pause. Hier sind es noch nicht mal 400 m über NN! Ich zwinge mich ordentlich zu Essen, was mein Magen allerdings nicht wirklich erfreut. Meine Getränkevorräte schmelzen bei diesem Supersonnenwetter leider schnell dahin. Ich fahre weiter und treffe auf die ersten Serpentinenkurven am Ortsende. Am nächsten Parkplatz mache ich noch mal halt, noch sind es gerade mal 640 m! Gestärkt gehe wieder auf die Straße und merke, dass es jetzt richtig gut geht. Den Parkplatz auf dem Pass lasse ich dann auch links liegen (eigentlich rechts) und Kämpfe - gegen mich und die Uhr. Ich habe gesehen, dass ich es sogar noch bis 14:00 Uhr schaffen könnte, eine Zeit, an die kaum zu träumen gewagt hatte. Auf dem letzten Stück brauche ich dann auch meinen langsamsten Gang, mit etwa 7km/h geht es aber doch noch gut vorwärts. Und der Gipfel rückt unaufhaltsam näher...

Ještěd 13:57 Uhr, 139km
Wahnsinn! So ein Berg! Und vor 14:00 Uhr oben! Ich will nicht sagen, dass es Spass macht, da hoch zu fahren, aber sobald man oben ist, ist die Anstrengung vergessen. 20,7 km/h Schnitt ohne Pausen bis hier hoch, das ist doch was. Ich hau' mich erstmal auf den erstbesten Felsen und hole Luft. Dann gehe ich auf dem Aussichtsbalkon des Berghotels und bestaune die Aussicht. Zum Iser- und Riesengebirge bietet sich mir folgendes Panorama:

Blick auf Iser- und Riesengebirge
Blick auf Iser- und Riesengebirge

Sogar die Schneekoppe kann man von hier aus sehen. Bei diesem tollem Wetter tummeln sich auch eine Menge Touristen hier oben rum, aber auch der eine oder andere Radfahrer hat sich hier raufgekämpft. Es lohnt auf jeden Fall! Nach einigen Fotos kaufe ich mir an einer Imbissbude etwas Wasser (2 mal 0.5l zu je 22KC, recht teuer, aber ich brauche es). Und nun weis ich auch, wie Mineralwasser ohne Sprudel heisst: minerální voda neperlivá.
14:40 verabschiede ich mich vom Gipfel und lasse mich zum Parkplatz auf dem Pass rollen. Dort erneuere ich meinen Sonnencreme-Anstrich - diesmal will ich ohne Sonnenbrand davon kommen!
Der Rest der Abfahrt gestaltet sich als erholsame Rollerei.
Endlich am Ziel!!
Endlich am Ziel!!


Straz 15:38 Uhr, 162km
Langsam spüre ich den Rückenwind, der mich hinzu etwas geärgert hat. Nun erweist er sich als sehr nützlich. Ich kann nun, trotz dass ich ja recht erschöpft bin, schneller als auf dem Hinweg fahren.

Ceska Lipa 16:36 Uhr, 184km
Wieder gehe ich einkaufen (ein Croissant, 0.25l Ananassaft, Joghurt, 1.5l voda neperliva und 2 Bananen für 44 KC), bezahle bei der selben Kassiererin und mache Rast zur Nahrungsaufnahme. Fahren geht noch super, ich will eigentlich gar nicht rasten, aus Angst zu rosten. Aber Essen muss sein. Die Weiterfahrt geht sehr flink, dank dem Rückenwind kann ich teilweise mit bis zu 30km/h dahinrollen, ohne dass es anstrengt.

Decin 18:33 Uhr, 217km
Au Weiha! Ich verfahre mich total. Ich hatte mir bei der Ortsdurchquerung folgendes vorgenommen: Der Ausschilderung nach Usti nad Labem folgen und nach Überquerung der Elbe rechts ab. Was aber, wenn man es schlicht und einfach nicht merkt, dass man schon über die Elbe gefahren ist? Als sich schon fast am südlichen Ende von Decin war, sehe ich mir den Sonnenstand an, werde stutzig, drehe um und blicke auf bald darauf auf die Elbe. Naja, passiert halt. Ich schlage wieder den geplanten Weg ein, allerdings nehme ich in Dolni Zleb diesmal die untere Route. Im nachhinein kann ich nicht sagen, was besser ist. Unten ist es wirklich teilweise ein sehr schlechter Weg.

Grenzübergang 19:21 Uhr, 232km
Hier pack ich mich erstmal auf die freundliche Bank. Endlich genieße ich meinen Ananassaft. Aber meine Ruhe wird gestört: ein paar Deutsche meinen doch, die Bank stünde normalerweise nicht dort. Sie wollen ihr Auto (am Elberadweg, alles klar!!!) hier parken. Mir ginge das ja alles so schön vorbei, wenn ich nicht auf dieser Bank sitzen würde. Also stehe ich auf und sehe Ananassaft trinkend zu, wie sich die Leute an der Bank zu schaffen machen. Gleichgültig lasse ich mich 20 Meter weiter wieder auf die Bank wieder fallen. Sorry, normalweise hätte ich ja (vielleicht) geholfen, aber in dieser Situation war die Bank meine kleine Ruhe-Insel geworden. Jaja, die Deutschen, was soll's.
Nach dem ich zu Ende gepaust habe, setzte ich meinen Weg fort, immer schön im Rückenwind rollend. Es geht wirklich gut.

Pirna 21:00 Uhr, 265km
Super, um neun in Pirna. Mensch, ich dachte kaum vor elf zu Hause zu sein. Nun ist aber die 10-Uhr-Marke greifbar. Ich esse und trinke kaum noch, fahre fast wie im Trance. Erstaunlich was der Körper so leisten kann. Vielleicht stumpft man einfach ab, merkt nicht, dass man eigentlich erschöpft ist? Ich sträube mich fast dagegen anzuhalten, aber in Heidenau musste ich dann mein Licht anbauen.

Dresden 21:51 Uhr, 283km
Schon zu Hause! Was für ein Ritt! Auf dem Rückweg in 7h 140km gefahren. Hier die nüchternen Fakten meines Tachos:
            hinweg    rückweg    gesamt
trp (km)    138.88    144.43     283.31
avs (km/h)  20.69     24.7       22.54
stp (h)     6:43      5:51       12:33:50
max (km/h)  51.4      54.6       54.6
Also, ich bin schön breit, aber glücklich. Allein dieser Anstieg auf den Ještěd ist ein Erlebnis! Im nachhinein betrachtet war der Wind optimal (ohne unfair zu sein). Hinzu (wo ich noch fit wahr) Gegenwind, dafür Rückenwind auf dem Weg nach Hause, so konnte ich diesen 24.7km/h-Schnitt erreichen. Alles in allem also optimal gelaufen, feines Wetter, keine Pannen und Sonnenbrand gab es diesmal auch nicht.
Aber ich denke mal, das war's jetzt mit solche Riesen-Radtouren. Ich werde mich vielleicht auf 200km beschränken. So eine Tour kostet immer 3 Tage: ein Tag vorbereiten und früh ins Bett, dann die eigentliche Tour und am Tag danach, naja, da ist nicht viel mit mir anzufangen.
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