Brocken-Radtour

Diese Tour entstand, weil ich für mein Studium einige Monate in Leipzig wohnte. Da ist das Erzgebirge weiter weg als von Dresden, der Harz rückt in erfahrbare Entfernung. Die erste Idee war auch, von Leipzig aus auf den Brocken (etwa 190km) zu radeln und am nächsten Tag zurück. Doch eine 2-Tage-Tour war mir organisationstechnisch etwas zu aufwendig. So ersann ich die Variante, mit dem Zug in aller Frühe nach Nordhausen zu fahren, dann zum Brocken und nach Sangerhausen. Eventuell könnte der Kyffhäuser noch mitgenommen werden. Nun, der Zugfahrplan schränkte mich in der Zeitplanung etwas ein. Um 23:24 Uhr fährt in Sangerhausen der letzte Zug über Halle nach Leipzig. Ich hätte schon 4:50 Uhr mit dem Zug nach Nordhausen fahren können, dann wäre ich etwa viertel 8 am Start gewesen. Aber ich entschied mich, eine Stunde länger zu schlafen. Damit hatte ich also maximal 15 Stunden Zeit.

Nordhausen 8:20 Uhr, 0km
Von Bahnhof aus versuche ich irgendwie auf die B4 in Richtung Illfeld zu kommen, was mir nach einigem planlosen Herumgefahre auch gelingt. Auf der recht stark befahrenen Straße nehme ich Kurs auf die bewaldeten Hänge des Harzes. Immer parallel zur Harzquerbahn kommt man so durchs das Tal des Flüsschens Beere zur Tiefenbachmühle. Dort verlasse ich die Straße, um - weiterhin parallel zur Harzquerbahn - den Wanderweg im Tiefenbachtal zu fahren. Auf dem schottrigen Weg geht es wesentlich gemütlicher voran. Ich sauge die Stille in der Natur in mich ein. Herrlich! Endlich mal wieder in den Bergen, im Wald! Die Ruhe wird nur von der rauschenden Harzbahn gestört. Es gibt hier sehr viele Wegkreuzungen. Sehr oft muss ich auf meine Karte sehen. Und irgendwann habe ich das Gefühl falsch zu sein. Aber ich vertraue der (meiner Meinung nach) nicht ganz so konsequenten Ausschilderung nach Trautenstein. Irgendwann stehe ich dann total verwirrt an einer Kreuzung und frage mich, ob ich nicht verschen sollte, zurück zu fahren. Dann höre ich in der Ferne einen Zug der Harzbahn rauschen. Er wird langsam lauter. Ich bin total überrascht, als der Zug direkt an mir vorbei fährt - die Gleise waren im Wald nicht zu sehen. Zudem ist es ein Mini-Güterzug. Aber er hilft mir bei der Orientierung, denn nun kann ich Ahnen, wo ich bin. Kurze Zeit später bin ich auch wieder auf dem richtigen Weg, auf der Waldstraße, die vom Buchenberg nach Trautenstein hinab führt. Jetzt kann ich mich rollen lassen.

Mein Rad und ich am Ziel
Mein Rad und ich am Ziel
Trautenstein 10:20, 32km
Durch Trautenstein fahre ich gerade durch, um auf einen Wanderweg zu kommen, der westlich der Rappodevorsperre verläuft. Der Wanderweg ist recht gut mit dem Rad zu fahren. Der Ausschilderung folgend kommt man schnell nach Königshütte. Dort nehme ich die Bundesstraße nach Elend. In Elend kann ich die - laut meiner Karte - kleinste Holzkirche Deutschlands bewundern. Nun, wer hat nicht gern einen Superlativ im Ort stehen? Und so klein ist sie eigentlich auch nicht. Ich schaue mich noch nach einem Laden um, um meinen Wasservorrat für den Anstieg zum Brocken zu ergänzen, aber außer einem kleinen Touristenladen kann ich auf die Schnelle nix finden. Also fahre ich weiter, den Wanderweg nach Schierke. In meiner Karte ist er als befestigter Weg eingetragen. Nun, das sehe ich anders. Es ist einfach ein Wanderweg. Ich ärgere mich etwas, weil ich hier nun Zeit verliere, auf der Hauptstraße wäre ich bestimmt schneller gewesen. Aber dafür kommt mir die Idee, meine Fahrradflasche an dem Bach aufzufüllen. Nun muss ich mich nicht darauf verlassen einen Laden in Schierke zu finden.

Schierke 11:45, 52km
Hier mache ich nochmal Pause, stopfe mir 2 Müsliriegel und eine Banane rein. Die Brockenstraße ist asphaltiert, aber für Autofahrer gesperrt. Man trifft auf Pferdewagen, welche träge Touristen den Berg hoch karren, auf Wanderer und natürlich andere Radfahrer. Schon jetzt kann ich mir vorstellen, wie viel oben los sein wird. Nun, der Berg hat es in sich. Ich habe mir vorgenommen, die über 500 Höhenmeter nonstop durchzufahren. Ich habe es zwar geschafft, war aber ganz schön fertig, weil ich recht früh einen Hungerast mit mir rumschleppte.

Brocken 12:35, 62km
Oben war erstmal ausruhen und nach Luft schnappen angesagt. Irgendwo zwischen den vielen Leuten. So viele hab ich noch nie auf einem Berg gesehen. Ein Gewusel, wie auf einem gigantischem Ameisenhaufen. Danach hab ich mich erstmal auf dem Gipfel umgesehen und versucht, den Ausblick zu genießen. Bei guter Sicht muss man sehr weit sehen können, aber heute war es nicht so ganz klar. An einem Imbiss besorge ich mir nach langem Anstehen 2 Stück Pflaumenkuchen. Gestärkt verlasse ich halb zwei den Gipfel.

Schierke 14:00, 74km
Glücklich darüber, einen Laden gefunden zu haben, kaufe ich Wasser und etwas zu Essen. Dann fahre ich erstmal genauso, wie auf dem Hinweg. In dem Waldstück zwischen Königshütte und Trautenstein mache ich eine etwas längere Pause. Ich merke die Anstrengung des Anstiegs noch immer und habe den Kyffhäuser schon aus dem Programm gestrichen. Irgendwie habe ich das Gefühl, nicht mehr ganz so fit zu sein. Von Trautenstein aus nehme ich die Hauptstraße nach Hasselfelde und Stiege. Vor Hasselfelde kann ich das erste mal den Brocken aus der Ferne sehen.

Blick zurück zum Brocken (mitte) und Wurmberg (links)
Blick zurück zum Brocken (mitte) und Wurmberg (links)


Stiege 16:00, 104km
Jeder kleine Anstieg fällt mir schwer. Trotzdem schiebe ich eine weitere Einkaufen-und-Essen-Pause immer vor mir her. In Friedrichshöhe biege ich rechts ab nach Breitenstein. Oberhalb von Breitenstein geht eine kleine Straße hinab nach Stolberg. Ich genieße die Abfahrt - hier kann man ohne Bremsen und Treten mit angenehmen 35km/h runtersegeln. Und das auf feinstem Asphalt im kühlen Schatten des Waldes.

Fachwerkhäuser in Stolberg
Fachwerkhäuser in Stolberg
Stolberg 16:45, 120km
In Stolberg bin ich total überrascht von den vielen schönen Fachwerkhäusern. Ich entschließe mich, hier eine längere Pause zu machen. Beim Bäcker kaufe ich Kuchen, in einem kleinen Lebensmittelladen Getränke. Natürlich bin ich nicht der erste, der dieses schöne Städtchen entdeckt hat. Zu meinem Glück wird der Bus mit den Touristen erst abgekippt, als ich schon wieder losfahren will. Fast eine Stunde habe ich in Stolberg verbracht. Nun geht es weiter hinab, immer im Tyratal bis nach Berga.

Berga 18:12, 135km
Nach der ausgedehnten Pause in Stolberg und der schnellen Abfahrt fühle ich mich wieder richtig fit. Da ich auch noch gut in der Zeit liege, entschließe ich mich, doch noch zum Kyffhäuser hinauf zu fahren. Wenn ich schon mal hier bin. Also geht es jetzt als nächstes nach Kelbra und dann immer weiter die B85 hinauf ins Kyffhäuser-Gebirge. Der Anstieg ist sehr gut zu fahren: schattig, sehr konstante Steigung, asphaltierte Straße, wenig Autos unterwegs. Aber dafür kommen dort ständig (immer wieder die selben) Motorradfahrer zum Spaß hoch und runtergerast. Das nervt. Aber ich werde nicht überfahren.
Nach 250 Höhenmetern stehe ich an der Kreuzung, wo die die Straße zum Kyffhäuser von der Bundesstraße abzweigt. Nun geht es nur noch leicht abwärts bis zum Denkmal.

Kyffhäuser 19:00, 147km
Ich schaue mich kurz um und mache ein paar Fotos. Außer mir sind nur noch ein paar Leute mit Caravan hier, ansonsten ist es ruhig. Ich fahre wieder zurück zur Bundesstraße und diese dann ein kurzes Stück Richtung Bad Frankenhausen. Links geht ein Wanderweg runter nach Tilleda - der fährt sich zwar nicht besonders gut, aber es ist der kürzeste Weg. Ab Tilleda geht's es dann schön flach weiter, durch Hackpfüffel (1. Preis in der Kategorie lustigster Ortsname!) und Riethnordhausen nach Edersleben. Von da ist es nicht mehr weit nach Sangerhausen.

Sangerhausen 20:37, 173km
Bevor ich mich auf dem Weg zum Bahnhof verfahren kann, erblicke ich einen Döner-Imbiss. Sofort mache ich Halt und nehme mir einen Döner mit, den ich mir dann auf dem Bahnhof schmecken lasse. Um 21:24 fährt mein Zug, mit dem ich über Halle nach Leipzig zurück fahre.

So, nun war ich auf dem Brocken mit dem Rad, damit hat sich ein kleiner Traum erfüllt. Allerdings habe ich mal wieder gemerkt, dass kleinere Radtouren besser sind, man will ja noch was sehen. Gerade im Harz, den ich kaum kenne.

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