Vier-Tausender-Tour im Erzgebirge

Mali auf 4 Tausendern
Gipfelfotojäger
Ich habe mich mal wieder auf das Abenteuer Langstrecke eingelassen. Irgendwie muss doch der 4 Jahre alte Rekord von der Fichtelbergtour zu schlagen sein. Erst recht jetzt, mit dem neuen Rad.
Hier die Streckenführung - so geplant und so gefahren:

Dresden - Schmiedeberg - Neuhermsdorf - Talsperre Rauschenbach - Olbernhau - Rübenau - Kalek - Přísečnice - Měděnec - Klínovec - Boží Dar - Plešivec - Abertamy - Blatenský vrch - Boží Dar - Fichtelberg - Kovářská - Jöhstadt - Reitzenhain - Olbernhau - Dresden
bikemap.net

Dresden 5:40 Uhr, 0km
Irgendwie hat sich die Luft über Nacht aus dem Hinterrad verflüchtigt. Also erstmal Schlauch wechseln bevor es eigentlich los geht. Das ist ärgerlich und kostet Zeit. Zum Glück habe ich erst gestern einen Schlauch gekauft, sonst wäre ich heute ohne Ersatzschlauch auf die Tour gegangen. Dann aber nix wie los: Erst die übliche Route über Dipps und Schmiedeberg hinauf nach Neuhermsdorf - wie immer mit Gegenwind. Ab dort den Radweg am ehemaligen Bahndamm (wo im Winter die Skiloipe ist, der Radweg ist asphaltiert und viel schöner als die Straße) zum Teichhaus und oberhalb von Holzhau zum Ringel. Vor der Abfahrt nach Deutschgeorgenthal mache die erste Pause. Dann über die Rauschenbachtalsperre ins Flöha-Tal, durch Neuhausen und schon bin ich in Olbernhau.

Olbernhau 9:00 Uhr, 78km
Ich gehe erstmal einkaufen im Supermarkt neben der Straße nach Rübenau. Bis hier her ist es übrigens fast die gleiche Strecke wie auf der Fichtelbergtour 2003. Damals bin ich nur einige Minuten vorher durch Olbernhau durch, aber 50 Minuten eher in Dresden los gefahren. Dem virtuell vor mir nach Marienberg fahrenden Mali folge ich jedoch nicht, sondern nehme das Natzschungtal als sehr angenehme Route hinauf auf Erzgebirgskamm-Niveau. In Rübenau biege ich an der Kirche scharf links ab, eine kleine Straße nach Niedernatzschung. Hier gibt es einen relativ neuen Grenzübergang für Wanderer nach Kalek.

Kalek 10:00 Uhr, 93km
Ab Kalek fahre ich auf dem Radweg 23, der Krušnohorská magistrála (Erzgebirgsmagistrale), auf ruhigen Straßen vorbei am Hirtstein und durch Hochmoorlandschaft. Ich treffe immer wieder auf tschechische Radfahrer. Das Stück zwischen Jilmová und Přísečnice ist auch asphaltiert, ich glaube mich zu erinnern, dass es das bei der Klínovec-Tour noch nicht war. Ja, und schön ist es hier sowieso. Von der Přísečnice-Talsperre dann die ruhige Straße 223 (Radweg 23) hinauf nach Měděnec. Dort gibt es auch schöne Blicke hinab ins Tal der Ohře.

Krušnohorská magistrála zwischen Jilmová und Přísečnice
Krušnohorská magistrála zwischen Jilmová und Přísečnice


Měděnec 11:25 Uhr, 125km
Wie letztes Jahr gibt es Omlett im Restaurace Mědník. Danach geht es Radweg 36 immer leicht aber stetig bergan zum Klínovec. Die Uhr tickt - 13:00 Uhr war das unterwegs ausgemachte Ziel für den Gipfel - und kurz vorher stehe ich dann oben.

Klínovec 12:57 Uhr, 142km
Zielfoto, kurz umschauen, und weiter geht es. Die Fernsicht ist heute sowieso nicht so berauschend. Den besseren Blick hinab hat man an der Abfahrt nach Boží Dar, ein Touristenort genau auf dem Kamm gegenüber von Oberwiesenthal. Dort gibt es nochmal Energienahrung bevor ich die kurze Abfahrt auf der Hauptstraße nach Cihelna und dann die 219 Richtung Abertamy in Angriff nehme. Unterwegs treffe ich einige versprengte Nieselregentröpfchen. Hm, ja, es sollte heute gegen Abend einzelne Schauer und Gewitter geben, aber doch nicht schon jetzt? Es bleibt bei den wenigen Tropfen - obwohl eine kurze Abkühlung auch gar nicht so schlecht wäre. Vor Abertamy biege ich links zum Plešivec ab.

An der Straße zwischen Klínovec und Boží Dar
An der Straße zwischen Klínovec und Boží Dar


Plešivec 13:46 Uhr, 157km
Der Plešivec ist 1028 Meter hoch und hat ein Gasthaus mit Turm. Ohne Turm kann man aber nicht viel sehen, es gibt hier Wald. Da ich noch viel vor mir habe, verweile ich auch hier nicht lang, sondern fahre weiter hinab nach Abertamy. Dort gibt es zum Glück einen kleinen Konzum mit allem lebensnotwendigen an Nahrung für den Radfahrer: Wasser, Äpfel, Hörnchen. Dann fahre ich direkt vor dem Laden rechts ab hinaus aus Abertamy. Aber hier wird es landschaftlich wieder richtig schön. Hinauf nach Rýžovna verwandelt sich die Landschaft in das Isergebirge, aber mit Schafherden. Wunderschöne feuchte gelbgrüne Wiesen, Wald und einer weiter Blick über die flachwelligen Berge. In der Ferne winkt der Auersberg. Aber nein, der kommt heute nicht dran. In Rýžovna biege ich links ab und erreiche kurze Zeit später den Blatenský vrch (der von Osten aus eigentlich gar nicht wie ein Berg wirkt - nur ein kurzer flacher Anstieg).

Oberhalb von Rýžovna, im Hintergrund der Auersberg
Oberhalb von Rýžovna, im Hintergrund der Auersberg


Blatenský vrch 14:44 Uhr, 172km
Der Fichtelberg von hinten
Blick bei Rýžovna: Fichtelberg "von hinten"
1043 Meter, und wieder ein Turm und wieder müsste man auf den Turm krabbeln um was zu sehen. Auch hier sind andere Radfahrer untwegs, sogar Mehrtagestourer. Bei 172km stehe ich also am Wendepunkt der Tour - es wird also tatsächlich viel heute. Ich mache nur einen kurzen Halt und fahre wieder zurück nach Rýžovna und von dort Radweg 36 durch viel Landschaft nach Boží Dar. Unterwegs kann ich mir den "Rücken" vom Fichtelberg ansehen - das letzte Tagesziel für heute. Bei Boží Dar überquere ich die Grenze nach Deutschland und dann ist es auch nicht mehr weit bis zum Fichtelberg. Der Anstieg fällt aber doch schon etwas schwerer - wer hätte das gedacht, die Kilometer gehen nicht spurlos an den Beinen vorbei.

Fichtelberg 15:48 Uhr, 187km
So, geschafft. Ich gönne mir ganze 12 Minuten um die Aussicht zu genießen. Vom Fichtelberg hat man eigentlich den besten Blick, vor allem nach Westen, Norden und Osten (Richtung Süden kann man vom Klínovec besser schauen). Und wie nicht anders zu erwarten sind hier oben viele Leute, vor allem aus Bus oder Auto abgekippte Touristen.
Es ist 16:00 als ich den Gipfel verlasse. Mit 7 Stunden für die etwa 140km Rückweg wäre ich also erst 23:00 Uhr in Dresden. In Oberwiesenthal gibt es unten einen Grenzübergang für Fußvolk. Nach der Abfahrt vom Fichtelberg überquere ich dort wieder die Grenze nach Tschechien und fahre gleich links die Straße lang. Dort geht es gegenüber der B95 ganz beschaulich am Pöhlbach entlang. Bei České Hamry verlasse ich das Tal und fahre nach Kovářská. Hier finde ich - wie erhofft und dringend benötigt - einen kleinen Lebensmittelladen. Ich kaufe das letzte mal ein. Ein Apfel wird gleich auf der Weiterfahrt verzehrt, den Rest stecke ich erstmal ein. Ich fahre eine kleine und sehr ruhige Straße nach Černý Potok und von dort über die Grenze nach Jöhstadt. Die Straße im Schwarzwassertal richtig nass, hier hat es wohl ordentlich geregnet.

Schmalzgrube 17:30 Uhr, 216km
In Schmalzgrube finde ich einen Pausenplatz, wo ich meine Vorräte verzehre. Irgendwie bin ich schon recht erschöpft und ich habe noch viel Respekt vor den 2 Anstiegen des Rückwegs (Reitzenhain und Deutschgeorgenthal) aber auch vor dem Gegenwind, mit dem ich rechnen muss. Der Anstieg von Steinbach nach Reitzenhain folgt gleich, es sind etwa 240 schattige Höhenmeter. Von Reitzenhain fahre ich weiter nach Rübenau und ab dort wie auf dem Hinweg an der Natzschung runter nach Olbernhau. Positiv nehmen meine Beine und mein Kopf die Erkenntnis auf, dass der angekündigte Gegenwind wohl ausgeblieben ist.

Olbernhau 19:00 Uhr, 250km
Die (vor)letzte Chance einzukaufen nehme ich nicht wahr, ich will nur noch fahren, fahren, fahren. Ab jetzt geht es ganz leicht bergan im Tal der Flöha nach Neuhausen und dann hinauf zur Talsperre Rauschenbach. Über mir brauen sich Gewitterwolken zusammen und auch hier sind die Straßen nass. Ein Regenschauer bevor es dunkel (und kalt) wird, kann ich eigentlich nicht gebrauchen. Hoffentlich geht das gut!
Nach dem Anstieg zum Ringel oberhalb von Deutschgeorgenthal mache ich die letzte Pause. Ich bin ganz schön geschafft. Den ersten Biss vom leckeren tschechischen Schoko-Orange-Müsliriegel quittiert mein Magen mit sauerem Brennen und ich muss darum fürchten, dass alles, was ich zuletzt gegessen habe (nicht viel) gleich wieder oben raus kommt. Es war wohl zuviel Süßkram für heute - ich lasse es mit dem Essen lieber bleiben und fahre in Ruhe weiter. Hinter Neuhermsdorf beginnen Nebelschwaden von der nassen Straße aufzusteigen. Es wird auch langsam dunkel - vor der Abfahrt ins Tal der Wilden Weißeritz mache ich das Licht an. Ich hoffe gut sichtbar zu sein, habe extra Speichenreflektoren angebracht und Reflektoren an den Füßen. Zwischen Schmiedeberg und Dippoldiswalde bekomme ich dann auch ein paar Regentropfen ab, aber zum Glück bleibt es bei einem kurzen Nieselregen. Zwischen Dipps und Kreischa, im Hirschbachtal, huschen immer wieder kleine Nebelhäufchen an mir vorbei. Beim ersten wäre ich vor Schreck fast voll auf die Klötzer gegangen. Es ist jetzt finster und ich bin froh, dass die Straßen - abgesehen von der Nässe - im guten Zustand sind. So reicht meine zur Fahrradfunzel umfunktionierte Stirnlampe am Lenker für die Orientierung aus.

Dresden 22:25 Uhr, 329km
Und irgendwann komme ich dann zu Hause an. Ich habe vor Dunkelheit ewig nicht auf den Fahrradcomputer geschaut. Es sind 329km und etwa 4200 Höhenmeter in 16:45 Stunden geworden. Das ist fast ein 20er Stundenmittel. Vor 4 Jahren habe ich für 20km weniger 2 Stunden mehr gebraucht. Erschöpft, glücklich über den neuer Langstreckenrekord, und von der Erkenntnis erleuchtet, dass sowas nicht noch einmal sein muss, falle ich ins Bett.
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